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09 Mai 2004
Eines Morgens, es war noch nicht mal fünf, mußte mein Mitbewohner aufstehen, um mit dem Sprinter nach Frankfurt Main zu fahren. Selbstverständlich habe ich noch geschlafen, als er den Tag begann. Genauer gesagt, habe ich so lange geschlafen, bis ich ein mir bis dato völlig unbekanntes Geräusch vernehme. Es war nicht sehr laut und wiederholte sich in ignorierbar weit auseinander liegenden Intervallen. Ich entschließe mich weiter zu schlafen. Leider wurden die Abstände kürzer und der Ton allmählich störend. Zuerst nehme ich an, daß es sich um einen nicht abgestellten Wecker handelt. Nach wenigen Minuten hatte mein Unterbewußtes ohne mein Zutun eine alternative Lösung erarbeitet: Es handelt sich um die obere Türklingel, die ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört hatte. Ich stehe also schlaftrunken auf, wanke zur Tür und öffne selbige. Völlig hektisch rennt mein Mitbewohner in die Wohnung und ruft mir beim Hinaushetzen zu: „Die Krawatte ist gerissen!“ Alles klar, denke ich, und lege mich wieder in mein Bett. Ich mache mich schlafbereit und vor meinem geistigen Auge setzt sich eine Krawatte zusammen, die im Anschluß genau in der Mitte zerreißt. Ich bekomme Alpträume. Den ganzen Tag frage ich mich, wie es zu diesem Malheur kommen konnte. Mein Mitbewohner klärt mich weit nach Sonnenuntergang auf: Die Krawatte war nur am hinteren Teil gerissen. Genau an der Stelle, an der normalerweise das dünnere Ende einsteckt wird. Eigentlich kein Problem, wenn man genügend Zeit hat es wieder anzunähen. Hat er aber nicht. Ankleben? Ich besitze keine Heißklebepistole. Um ehrlich zu sein, nicht mal Panzertape. Mein Mitbewohner steht also verzweifelt in meiner Küche und sucht nach Lösungswegen. Ein aus einer weihnachtlichen Bastelaktion übrig gebliebener Tacker ziert den Tisch vor ihm. Er tut, was jedem das Naheliegenste gewesen wäre. Er tackert ohne Zögern die Rückseite der Krawatte. Zufrieden betrachtet er das Resultat. Zumindest bis er seinen wiederhergestellten Binder von der anderen Seite betrachtet. Unansehlich kräuselt sich der Stoff. Seine Stirn tut es ihm gleich. Für den Einsatz in einem konservativen Unternehmen modisch zu gewagt, lautet die Schlußfolgerung. Krawatte tauschen, bedeutet Hemd wechseln. Der Minutenzeiger kommt gefährlich nahe in die Zone der Abfahrt des Buszubringers. Neunzig Sekunden später rennt mein Mitbewohner mit neuem Hemd zur Haltestelle, um dort festzustellen, daß er die zugehörige Krawatte vergessen hat. Also zurück. Verzweifelt klingelnd verbringt er weitere fünf Minuten an der oberen Tür, die er nicht öffnen kann, weil der Schlüssel von innen steckt. Als ich endlich öffne, greift er sich den neuen Schlips und rennt zur nächsten S-Bahn, die ihn pünktlich zum Zug bringt. Life is no picnic.

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