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17 November 2004
Gestern war ich auf einem Bewerberseminar der Sparkasse. Schaden kann es nichts und kostenlos ist es auch, dachte ich, als mir jemand die Werbekarte „Ich bin eine Marktlücke“ in die Hand drückte. Also meldete ich mich kurzerhand an. Als ich dort erschien, hätte mir schon in der ersten Sekunde klar sein müssen, daß ich nicht zur Zielgruppe gehörte. Ich betrat im grünen Anzug einen Raum voller pferdegezopfter Blondinen in anthrazitfarbenen Kostümchen. Im Eingangsbereich erhielten wir alle Namensschilder, damit der lockere Bänker Gerhard uns ebenfalls beim Vornamen ansprechen konnte. Motto war, wie auf der Karte angekündigt: Ich bin eine Marktlücke. Den Vormittag verbrachten alle hochgespannt den verschiedenen Marketingansätzen lauschend, während ich verzweifelt versuchte meine Zukunft aus dem kläglichen Rest Filterkaffeesatzes meiner Tasse zu lesen. Dann mußten alle der Reihe nach aufstehen und sagen, warum sie Marktlücken sind. Schon drei Blondchen vor mir, wurde mir gewahr, daß die Menge Kaffee, die ich zu mir genommen hatte eindeutig mein Blasenfassvermögen überschritt. „Nuf, jetzt bist Du dran! Du bist eine Marktlücke weil ...“ (gespannte Pause) „Ich muß mal.“ Der Bänker schaut mich fragend an: „Du mußt was?“ Obwohl ich die Frage etwas indiskret fand, antwortete ich wahrheitsgemäß mit „Pipi“. „Oh, nun, dann machen wir schon mal weiter mit Sarah“ Den Raum verlassend, höre ich noch, daß Sarah eine Marktlücke ist, weil sie irgendwie anders und auch irgendwie kreativ ist. Als ich von der Toilette zurückkehrte, bin ich noch tief beeindruckt, daß die Spiegel dort so aufgestellt waren, daß ich meinen eigenen Hintern bewundern konnte. Außerdem stellte ich bei einem Blick aus dem Fenster fest, daß die Sonne außergewöhnlich hell und warm schun. Ich entschließe mich, das Seminar abzubrechen. Das Ganze kommt mir vor, wie eine Misswahl. Die Veranstaltung führt mir eine Szene aus einem Film vor Augen, in dem jede potentielle Miss-Sonstwas-Anwärterin am Ende ihrer Körperpräsentation was besonders geistreiches sagen soll, damit die Jury zur Kenntnis nehmen kann, daß sie ein ganz besonderer Mensch ist. Ich schleiche mich leise in den Seminarraum und greife unauffällig nach meiner Handtasche, als mich Gerhard doch noch erwischt. „Nuf, Du warst noch nicht dran. Komm doch schnell noch nach vorne, damit Du die Übung auch mitmachen kannst.“ Ich will eigentlich nicht, aber alle blicken mich so erwartungsvoll an. Also gehe ich in den Kreis der Klonweibchen und sage voller aufrichtiger Begeisterung: „Ich wünsche mir Weltfrieden!“ Stille. Ich verlasse gutgelaunt den Raum.

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