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29 März 2005
Wer hat Angst vorm Frühstücksdrachen? Am zweiten Morgen ist uns der entscheidende Durchbruch gelungen. Wir haben eine Tasse Kaffee erhalten, obwohl der Frühstücksdrachen (kurz FD) schon ausdruckslos die letzten vier Liter aus dem großen Kaffeespender des Frühstücksbuffets in den Ausguss geschüttet hatte. Um den Wagemut dieser beherzten Aktion ermessen zu können, muss ich zu Tag eins zurück kehren. Frühstück von acht bis zehn. Der Herr an der Rezeption heißt uns uns ab neun Uhr bereit zu halten. Gesagt getan. Um 09.03 Uhr betreten wir die Gaststätte. Außer uns gibt es nur einen weiteren Gast. Sie ist fast fertig mit dem Essen und schaut uns an, als ob wir wahnsinnig wären um diese Uhrzeit hier noch zu erscheinen. Wenige Minuten später, als der Frühstücksdrachen erscheint, wissen wir warum. Der FD, eine Frau unbestimmten Alters, deren Körpergewicht sich zu 70% auf die unteren Extremitäten konzentriert, erscheint in der Küchentür. Ihre gelb blitzenden Augen erspähen uns in Bruchteilen von Sekunden. Mit dem bratwurstdicken Zeigefinger deutet sie auf den gedeckten Platz. Wir setzen uns. Sie kommt näher. Jeden Schritt kann man auf der Oberfläche des mit Orangensaft gefüllten Glases verfolgen, die sich im Rhythmus der sich nähernden Schritte kräuselt. Jetzt steht sie vor uns. Wir schauen sie an. Sie schaut uns an. Endlos lange Sekunden vergehen. Ich starre ihr entsetzt auf die Barthaare. Ihre Nasenflügel beben. Dann nehme ich mir ein Herz und frage mit meiner kindlichsten Stimme: Werte Herrscherin über das Frühstücksland, erlesene Dekoratörin der Frühstücksplatten, flinke Wurstplattenauffüllerin und Käsescheibchenabschneiderin, wäre es wohl möglich so etwas wie einen Milchkaffee zu erhalten, auf dass uns die köstlichen Brötchen noch leichter die Kehle herabgleiten? Der FD bläst verächtlich Luft aus den Nüstern und grunzt knapp: Kaffee Ich nicke und halte ihr zittrig meine Tasse hin. Sie winkt ab und sagt in einem Ton, der keinen Widerspruch erlaubt: „Ich mache gleich einen Pott!“ und gibt mir damit unmissverständlich zu verstehen, dass sie mich töten wird, wenn ich versuchen sollte, mehr zu verlangen. Danach verschwindet sie. Sie lässt uns mit einem üppigen Frühstück und einer Oldies-CD alleine (Evergreens wie: Papa Kalt, Klingel meine Glocke, Der einfache Simon sagt: Klatsch Deine Hände in die Luft). Um 09.56 Uhr materealisiert sie an der Theke, stellt die Musik aus und starrt uns hasserfüllt über eine Zeitung hinweg an. Als ich es wage, ein weiteres Brötchen aufzuschneiden, treten ihr kleine Dampfdruckwölkchen aus den Ohren. Um 10 Uhr 00 Minuten 00 Sekunden kommt sie an unseren Tisch, nimmt jeden einzelnen Gegenstand in die Hand und fragt: „Essen sie das noch?“ Als ich versuche zu scherzen: „Nein, den Teller esse ich heute mal nicht“, ernte ich einen Blick, der mein Blut gefrieren lässt. Wir verlassen rückwärts kriechend das Restaurant. In der Nacht liege ich wach und schwöre mir, mich am nächsten Morgen nicht erneut einschüchtern zu lassen. Alle Vorsätze verpuffen als ich höre, dass sie Xavier Naidoo aufgelegt hat. Sie steht stoisch in der Küchentür und hebt ihre grünlich verfärbte Oberlippe nur so wenig, dass ich ihre scharfen gelben Zähne sehen kann. Heute will sie sich uns nicht so lange Gefallen lassen und schüttet schon um halb zehn die letzten Liter Kaffee weg. Wie viele, die mich persönlich kennen, wissen, hört bei Koffeinmangel am Morgen der Spaß bei mir auf. Ein kurzes Diskussionsduell gewinne ich und sie fletscht ein letztes Mal die Zähne und verlangt meine Tasse, die sie gallespuckend auffüllt. Ich schätze der Kaffe morgen, wird vergiftet sein.

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