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06 Juni 2005
Ich bin aus dem wilden Alter raus, dachte ich. Alte Tagebucheinträge beweisen mir jedoch, dass ich mich niemals in einem wilden Alter befand. Wenn meine Kinder in 24 Jahren Urlaub wie ich mit 24 machen, werde ich immer beruhigt schlafen können: „Es ist ungefähr der 20. August, der schätzungsweise vierte Tag unseres Urlaubs. Es könnte auch der zehnte sein, ich erinnere mich nicht mehr genau. Der vierte Tag heißt: Ich habe einen Sonnestich, A. einen Vollbart, Ch. ein frisches T-Shirt und M. sieht aus wie jeden Tag. Ich muss sagen, der Urlaub artet in Freizeitstress aus. Von der ständigen Rumliegerei bin ich total erschöpft. Die Tagesmission lautet über die erste Wellenfront hinaus zu kommen. Die ersten drei Tage habe ich das nicht geschafft. Meist verpasse ich den günstigen Wellenüberwindungspunkt, was zur Folge hat, dass ich unter die Welle gerissen werde. Mit etwas Glück wird man an den Strand zurück gespült. In weniger glücklichen Fällen wird man mit Verzicht auf zwischenzeitliches Luftholen in die nächste Welle gespült. Ab und zu fliegt ein Hubschrauber über uns hinweg und transportiert Leute ab, die mutiger aber dafür weniger erfolgreich als ich waren. Nach zwei Stunden, zwölf Liter Salzwasser und 137 Gramm Sand im Mund, gebe ich auf. Den Rest des Tages verbringe ich mit Eincremen. Immer wenn ich an den Zehenspitzen angekommen bin, beginne ich wieder mit meiner Stirn. Die Jungs liegen geifernd im Sand und betrachten barbusige Strandschönheiten. Am Nachmittag bekommen wir Hunger und machen uns auf den Weg zum nächsten Supermarkt. Auch dieser Weg erweist sich als höllengleich, denn vor uns zieht eine Zirkusparade die Strandpromenade entlang. Meine Verwunderung und mein Mitleid gelten vor allem einem Menschen, der als Löwe verkleidet blind den Weg entlang rumpelt. Er wird vom Dompteur in regelmäßigen Abständen gepeitscht und verliert im Kunstpelz bei ca. 40 Grad sicherlich 60% seiner Körperflüssigkeit. Unser Einkauf besteht, wie üblich, aus 52 Flaschen Bier, zwei Baguettes und ein Paar Keksen. Während die Kerle abends das Bier trinken, erfreue ich mich an einem gekühlten Seven-up und gehe pünktlich um 22 Uhr ins Bett. Am nächsten Morgen weckt uns der Chef de Camping, der in einer unglaublichen Geschwindigkeit und ohne Rücksicht auf den Aspekt, dass wir im Grunde noch schlafen, einen Vortrag zum Thema „Feiern ja – aber nicht so.“ Ich habe keine Ahnung wovon er spricht und während ich noch darüber nachdenke was er gegen Seven-up haben könnte, höre ich mich auf französisch dummes Zeug plappern. Offensichtlich ist mein Französisch so mitleiderregend, dass wir die einzigen sind, die bleiben dürfen. Alle anderen im Umfeld von einem Kilometer werden des Campingplatz verwiesen. Ich wünschte, ich hätte mitbekommen, was in der Nacht vor sich ging. Ärgerlicherweise habe ich zu fest geschlafen und A., CH. und M. können mir keine Auskunft geben. Sie wirken leicht komatös. Da jetzt die besten Plätze frei sind, überreden mich A., Ch. und M. den strategisch günstigen Platz neben Duschen und sanitären Anlagen zu nehmen. Die Herren freuen sich deutlich mehr als ich. Meine Freude ist eher pragmatischer Natur, wohingegen ihre eher hormoneller sein muss. Sie liegen bäuchlings vor den Zelten und teilen weibliche Wesen in Busen, Beine und Ärsche ein, während ich mich darauf konzentriere eine Ausgangsthese für meine Diplomarbeit zu entwickeln. Ich schreibe in meine Kladde "Kommunikation ermöglicht partielle Parallelisierung der Realitätsvorstellung" und entscheide mich, heute Abend mal ein Bier mit den Jungs zu trinken. Das dient der Tarnung. [...]“

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