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22 März 2006
Im Laufe einer Beziehung gibt es bestimmte neuralgische Augenblicke. Einer davon ist das erste gemeinsame Erwachen.
Mir hat in meiner Jugend einmal ein etwas älterer Mann postnoctale Erlebnisse mit nächtlichen Eroberungen geschildert, die sich tief in meine Psyche eingegraben haben. Von Make-up-Resten im Damenbart war da die Rede. Detaillierter will ich nicht auf die Schilderungen eingehen. So war mir seitdem klar, wer auch immer neben mir aufwacht, soll ein solches traumatisches Erlebnis nicht haben.
Ich erinnere mich beispielsweise noch recht deutlich an die erste Nacht mit meinem langjährigen Freund. Die Uni zwang mich zu diesem Zeitpunkt ein Praktikum in Niedersachsen zu machen. Er kam mich aus dem fernen Berlin besuchen (über seinen Koffer schreibe ich vielleicht ein anders Mal...). Am Morgen darauf wurde ich von Vogelgezwitscher geweckt. Die Uhr zeigte 5.30 Uhr. Genau die richtige Uhrzeit schnell auf zuspringen und sich ein wenig frisch zu machen. Ich schlich ins Bad, putze mir die Zähne, kämmte meine Haare, nahm eilig eine Dusche, rasierte noch schnell die Beine und andere wichtige Zonen, frischte die Mani- und Pediküre des Vortags auf, noch rasch ein wenig Make-up, Wimperntusche, einen Hauch Lidschatten, der farblich auf die Unterwäsche abgestimmt war und schon konnte ich wieder ins warme Bettchen zurück kriechen. Da drapierte ich mich möglichst ästhetisch aussehend mit einem Lächeln und einer kunstvoll über meinen Körper arrangierten Decke neben ihn und stellte mich schlafend, während ich seinem regelmäßigen Atem lauschte.
Sechs Stunden später wurde er wach und ich blinzelte ihn, möglichst niedlich wirkend an und hauchte ihm einen Gutenmorgengruß entgegen.
So ist das in der Zeit, in der man verliebt ist.
Einige Jahre später hat sich das Bild geändert.
Gerädert vom Alltag, von der Arbeit, vom Alter fällt man Abends ins Bett. Gerade mal Zähneputzen hat man geschafft. Abschminken war nicht drin. Kann man ja ein anderes Mal machen. Wenn dann um 6.30 Uhr der Wecker klingelt, wälzt man sich noch drei Mal Hin- und Her und grunzt dem Partner ein "Gutmmorg" entgegen. Wenn der es wagt, einen schon um 7.30 Uhr mit Kaffee zu wecken, raunzt man ihn erneut an und rollt sich missmutig aus der Schlafkuhle.
Von dort geht es an den Frühstückstisch. Die Wimperntusche klebt unter den Augen, dass man aussieht als wäre man am Vorabend gefeierter Star einer Gruftiparty gewesen. Die Haare hängen größtenteils strähnig ins Gesicht, nur der Pony, der steht kreuz und quer nach oben. Vom Atem wollen wir nicht sprechen. Man trägt ein uraltes, ausgeleiertes T-Shirt und eine an den Knien ausgebeulte Jogginghose. In der Regel prangt an einer gut einsehbaren Stelle ein kartografierungswürdiger Pickel mit Eiterkuppe.
Man weiß, dass man aussieht wie ein Monster, aber nach mehreren glücklichen Beziehungsjahren, weiß man, es geht gar nicht ums Aussehen, nur der Charakter zählt. "Er liebt mich wie ich bin", denkt man während man kaffeeschlürfend die Hühneraugen an den Füßen begutachtet.
Bis eines Morgens etwas passiert.
Der Freund verabschiedet sich zur Arbeit, öffnet die Eingangstür und gibt so den Blick frei zur nachbarlichen Eingangstür, wo just der Nachbar hervor tritt und ebenfalls von seiner Freundin verabschiedet wird. Gesehen hat man die noch nie, vom Hören kennt man sie aber die letzten beiden Jahre.
Und oh Schreck!
Oh Unglück!
Über die Schulter des eigenen Freundes ergibt die Musterung einen Horrorbefund.
Einen Meter sechzig ist sie maximal. Wiegt kaum fünfzig Kilo. Ihr Haar ordentlich zu einem Zopf zusammengebunden. Ihren Pfefferminzatem kann man bis zum anderen Flurende riechen. Sie trägt ein enges, türkis-blau geringeltes Oberteil, dazu passend ein keckes Höschen.
Ihr Teint strahlt, dass ich eine Sonnenbrille brauche und als ich auf ihre Füßchen, maximal Schuhgröße 36 schaue, möchte ich sie spontan küssen, so niedlich sehen sie aus.
Dann stellt sie sich auf die Zehenspitzen und gibt dem Nachbarn einen langen, sanften Kuss. Der Nachbar und mein Freund treffen sich in der Mitte das Gangs und blicken noch einmal auf die geöffnete Wohnungstüren zu ihren Partnerinnen zurück. Ich schreie durch den Gang: "Sie mag besser aussehen, aber SCHLAUER bin ich!" und knalle die Tür zu, dass sie fast aus den Angeln fällt. "Schlampe!"


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